Kreatives Schreiben 2018

“Bahnweg” ist ein Bild von Edward Hopper.pdf fh
“Bahnweg” ist auch eine Tagesstätte für suchtgefährdete oder
suchtkranke Menschen, die ohne Suchtmittelmissbrauch selbstbestimmt leben möchten. Rödelheimer Bahnweg 27.
Spätsommer. Wärme strömt durch die geöffneten Fenster. Tische aus Holz mit heller Maserung, Schränke mit Materialien gefüllt, eine Staffelei,
eine Büste aus Gips, auf dem Regal ein riesiges Flugzeugmodell: der Raum für die Ergotherapie.
Wir wurden gewarnt: “Es kann sein, dass niemand kommt…”
Ja. Wer würde schon gern beim Kreatives Schreiben mitmachen? Eine Woche lang ein Spiel spielen mit eigenen Worten, eigenen Gefühlen, oder vielleicht längst vergessenen Situationen auf dem Papier wiedersehen?
Ein Hin und Her auf dem Flur.


Die Tür steht offen, die Bewohner und die
Mitarbeiter der Tagesstätte schauen uns kurz an, niemand bleibt stehen,
niemand spricht uns an. Dann kommt sie doch: kleine Statur, schwarze
Augen, sagt sie lächelnd zu uns: “Ich habe schon mal einen Artikeln für
“Jubaz” verfasst.”
Das Kreative Schreiben kann beginnen!
Langsam kommen die Anderen: Der stille Student, der sein Praktikum im
Bahnweg absolviert, der ältere Herr mit Kurzhaarschnitt, riesigen
Ohrringen und Tätowierungen, die blonde Frau, die russisch spricht. Alle
schreiben. Manch anderer Bewohner möchte nur zuhören. Der Raum ist
voll.
Viele Texte werden geschrieben. Lange Texte, kurze Texte, Texte über
Freude, Wut und Situationen, aus denen sich die persönliche Erfahrung
deutlich herauskristallisiert. Wir lesen allen unsere Texte vor. Wir reden
darüber. Sensibler Umgang ist angesagt. Es wird erzählt. Hohes
Bildungsniveau, mich überrascht angenehm die Diskussion über Gustave
Flaubert und Baudelaire. Oder über Heidegger, Kant und Jung. Der ältere
Mann behauptet, Autodidakt zu sein. Deutlich zeige ich meine
Wertschätzung.

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